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Wir nehmen darin Bezug auf diesen Text, der unser Konzept kritisiert: Text

Dieser Text nimmt wiederum bezieht sich auf unseren Rückblick zur „Frankfurt Pelzfrei“-Demo 2011: hier

Vor ein paar Jahren war es noch ganz normal, dass die linksradikale Szene das Erscheinungsbild größerer Antispe-Demos mit prägte. Folglich bildeten sich automatisch „Schwarze Blöcke“, denn die meisten, zumindest der Aktivist_Innen der Antifa-Szene, tragen auf Demonstrationen ohnehin schwarze Sachen – bunte Klamotten müsste mensch meistens erst extra herauskramen. Auch die Antispe-Fahne weist symbolisch auf den Versuch an die Antifa- und linksradikale Szene anzuknüpfen hin. Natürlich ist es immer schwierig Trends auszumachen, aber sehen wir uns als Maßstab die Bilder von der jährlich größten Pelzfrei-Demo in Frankfurt von 2009 und 2010 vergleichend an, so ließ sich ein Trend erkennen, der sich auch bei anderen Demos zeigte, dass zwar immer noch einige schwarz trugen, dass aber offenbar keine richtige Großdemo-Erfahrung oder Vorbereitung dafür vorhanden zu sein schien: was sich sehen lässt ist eher ein loses Durcheinander, es gibt keinen richtigen Block, keine richtige Bereitschaft sich offensiv mit der Tierausbeutungsindustrie auseinanderzusetzen und scheinbar auch keine Fähigkeit sich effektiv gegen Repressionsorgane zur Wehr zu setzen. Transparente werden kreuz und quer gehalten, sodass sie gar nicht mehr gelesen werden können, die meisten rufen zwar mit, lassen dabei aber völlig außer acht lassen, dass direkt neben ihnen noch etwas ganz anderes gerufen wird, sodass es eher zu einem gegenseitig-anschreien kommt – und dabei kann das wilde Durcheinander nicht zu einem „Out-of-control“-Konzept verklärt werden, denn dafür ist eigentlich noch ein höheres Maß an eigener Überlegung, Vorbereitung und Entschlossenheit erforderlich, als nur zu einem Black-Block nötig wäre. Der abnehmende Anteil der erfahreneren und gut organisierten Demonstrant_Innen und damit einhergehend und sich bedingend auch die mangelnde Mobilisierungsfähigkeit ins linksradikale Spektrum, zeigten, dass die Tierbefreiungsbewegung sich offenbar zunehmend isoliert, teilweise ungewollt, indem gerade gegen anerkannte und anknüpfungsfähige linksradikale Aktionsformen (wie den Black-Block und alles was einen „militanten Touch“ hat) gewettert wird und teilweise gewollt, indem stattdessen eben Nähe zu eher bürgerlich-unpolitischen Gruppen oder einem dementsprechenden Auftreten gesucht wird – teilweise scheint eine Isolation von einigen auch verteidigt zu werden: nur die Tierbefreiungsbewegung habe Konzepte die bestehenden Verhältnisse zu überwinden und die nicht-Tierbefreier in der linksradikalen Szene wären auf einem völlig falschen Weg, von dem sich eher zu distanzieren sei. Dazu kommt, dass es auch in der (pseudo-)linksradikalen Szene Versuche, hauptsächlich von „(anti-)deutscher“ Seite, gibt, diese Isolierung herbeizuführen. Nun ließe sich argumentieren, dass diese Isolierung stattfinde, weil eben der Tierrechtsgedanke „immer weiter in die Gesellschaft rücke“ und quasi so „erwachsener“ werde und sich von seinem „jugendlich-revolutionärem“ Enthusiasmus verabschiede – der gegenwärtige Trend sei also gerade wünschenswert. So einfach ist es aber nicht. Natürlich ist es immer gut, wenn neue Leute in die Bewegung dazu kommen, aber wenn der Anschluss an die linksradikale Szene verloren geht, dann verwässert und verbürgerlicht sich der Gedanke, der hinter der Tierbefreiungsbewegung steht und dies führt wiederum weiter zur Isolation. Oft ist auch zu sehen, dass Leute in der Tierrechtsbewegung anfangen politisch aktiv zu werden, dann sich immer mehr linksradikal positionieren und dann gerade wegen der Verwässerung und den ganzen regressiven Tendenzen in der Tierrechtsbewegung sich von der Antispe-Szene lossagen. Andererseits, wenn es keinen Anschluss zum Linksradikalismus mehr gibt, besteht die Gefahr bloß in einem bürgerlichen Rechte-Denken stehen zu bleiben, der für sich allein genommen aber mit Emanzipation nur wenig zu tun hat. So darf es aber unserer Meinung nach nicht sein! Wir würden uns wünschen, dass die Antispe- und die linksradikale Szene immer weiter zusammengehen, dass sich die unpolitisch dazukommenden Tierrechtler_Innen nach und nach immer mehr linksradikal positionieren und, dass sich Linksradikale nach und nach auch immer mehr hin zur Tierbefreiungsbewegung bekennen: das ist der Trend den wir wollen! Wir wollen dahin wirken, dass immer mehr Antifa-Gruppen sich auch Antispeziesismus auf die Fahnen schreiben, wir wollen daran arbeiten, dass Antispe-Gruppen zu einem verankerten und unterstützten Teil in der linksradikalen Szene werden, sich gegen regressive Tendenzen positionieren und nicht bloß für nicht-menschliche, sondern sich für die Befreiung aller Tiere engagieren.

Der Black-Block ist für uns ein Mittel, für den wir einmal im Jahr werben, um einen anderen Trend in der Bewegung zu initiieren. Ist es aber überhaupt noch möglich wieder einen Trend hin zu einer Verknüpfung mit der linksradikalen Szene zu erwirken? Oder befindet sich die Tierbefreiungsbewegung schon so auf dem absteigenden Ast, dass sie erstens überhaupt nicht mehr ernst genommen wird und zweitens auch nicht mehr die Kraft hat überhaupt einen radikaleren Kern aus sich heraus hervorzubringen oder anzusprechen? Wir glauben, dies wird sich in der nächsten Zeit zeigen. Aber die Tendenz der Tierbefreiungsbewegung zur Isolation, die Tendenz zu immer mehr „Lifestyle-Veganer_Innen“, deren Aktionen nur noch darin bestehen vegane Würstchen an Passant_Innen zu verkaufen, wo überhaupt nicht mal mehr versucht wird einen emanzipatorischen, System-überwindenden Anspruch zu verdeutlichen, sondern die „Konsumentenmacht“ verklärt wird: das eigentliche Problem sei ja nicht das System, sondern bloß die Konsument_Innen, die ja nur ihr Verhalten zu verändern brauchten. Um solche Moralpredigten geht es uns aber definitiv nicht! Wir wollen den Kampf gegen dieses System organisieren, radikal, entschlossen und emanzipatorisch. Dafür braucht aber die Tierbefreiungsbewegung den Diskurs, den Anschluss und den Austausch mit anderen progressiven Kräften, sie braucht die linksradikale Szene, deren Teil sie sein muss, um sich nicht zu isolieren, um nicht abzuheben. Wir glauben, dass die Diskussion um den Black-Block gerade deshalb so forciert zu führen versucht wird, weil gerade einige Tierrechtler_Innen selbst „Angst vor dem Schwarzen Block haben“, Angst, dass er das bunte Durcheinander, den Elfenbeinturm, in dem mensch sich als intellektuelle Elite selbst so wohl gefühlt hat, zu einer Auseinandersetzung mit der harten Realität absteigen wird – „warum auch andere Strömungen ansprechen, wir können das alles doch selbst viel besser“. Wir sind ja alle so reflektiert, weil wir das Herrschaftssystem als Ganzes sehen, weil wir das Konstrukt des Speziesismus durchschauen können – die linksradikale Szene kann uns in unserer behaglichen Isolation des exklusiven Wissens um den rechten Pfad nur stören: „sollen sie doch, wenn sie das endlich raffen, einfach zu uns kommen“. Dieses Schema verkennt, dass die Tierbefreiungsbewegung nur in diskursiver Auseinandersetzung, die sie auf eigene reaktionäre und regressive Tendenzen aufmerksam macht, selbst existieren kann: die Tierbefreiungsbewegung muss Angebote an die linksradikale Szene machen und sich nicht nur mit sich selbst beschäftigen, auch wenn es einfacher ist, aus irgendeinem Hinterzimmer heraus einen kritischen Text zu diskutieren und das Thema linke Szene damit abzuhaken. Wir brauchen den Anschluss und den Austausch an die linksradikale Szene, um uns nicht selbst zu verlieren, um nicht stehenzubleiben und damit eigentlich zu verschwinden – auch wenn es vielleicht manchmal sehr anstrengend ist! Im Weiteren wollen wir versuchen noch einmal eigene Thesen über das Black-Block-Konzept zu formulieren und uns mit den Vorwürfen gegen dieses Konzept auseinandersetzen. (Unsere Thesen und auch die folgenden Zitate beziehen sich auf den Text „Wer hat Angst vorm Schwarzen Block“, der in der 72. Ausgabe der Tierbefreiung erschienen ist.)

Erste These: Die Ankündigung eines Black-Blocks führt zu einem höheren Organisationsgrad der Demoteilnehmer_Innen. Er hat die Fähigkeit Repressionen entgegen zu wirken und gewährt die Anonymität seiner Teilnehmer_Innen, aus der heraus sich während der Demo oder danach spontane Aktionen ergeben können, aber nicht müssen.

Am Black-Block wurde kritisiert er würde es generell nicht schaffen können „aus repressiven und eingefahrenen Demoabläufen auszubrechen und Handlungsräume für selbstbestimmten Protest zu eröffnen“, da er durch ein Spalier und verstärkte Polizeiketten „einfach […] unter Kontrolle zu halten“ sei. In der Tat war es uns in Frankfurt 2011, wo wir das erste Mal explizit für einen Black-Block warben, nur möglich uns gegenüber der Gewalt der Repressionsorganen entschlossen und erfolgreich zu verteidigen, nicht aber auch darüber hinaus tatsächlich wirksam in die Offensive zu gehen. Die Polizei hatte, entgegen unserer Einschätzung, ihr Aufgebot im Verhältnis zum Vorjahr, massivst verstärkt: es gelang uns daher nicht einen Überraschungseffekt zu erzielen – dafür war wohl auch unsere eigene Mobilisierung zu gut, um von der Polizei nicht ernst genommen oder übersehen zu werden. Unser Gedanke damals war, dass bei gleichbleibendem Polizeiaufgebot vom letzten Jahr und bei sprunghaft ansteigender Zahl von organisierten und entschlossenen Demoteilnehmer_Innen sich sehr wohl eine Gegenmacht gegen die Polizei hätte aufbauen lassen, die auch über die Grenzen, in denen sie gehalten werden sollte, hinausgehen könnte. Diese Idee hat sich aber nun leider nicht umsetzen lassen und wird sich auch nicht mehr umsetzen lassen, zumindest nicht in Frankfurt. Aber der Vorwurf, die tatsächlich praktizierte Antirepression, also das erfolgreiche zur-Wehr-setzen gegenüber der Staatsmacht ganz entschieden in die Demonstration einzugreifen und Transpis zu entfernen oder Demoteilnehmer_Innen rauszuziehen, sei „kein Erfolg“ erweist sich in Anbetracht der letzten größeren Pelzfrei-Demos, z. B. in Köln und Stuttgart, die weit weniger radikal auftraten, als ziemlich verfehlt. Es ist nun einmal absolut keine Selbstverständlichkeit auch nur normale Tierrechtspositionen vertreten zu können und dafür nicht vom Staat sanktioniert zu werden – wie viel schwieriger ist es, hier straffrei eine generelle Systemkritik vertreten zu können! In Köln konnten Leute sanktioniert werden, ohne, dass sich auch nur überhaupt verbal ein entschlossener Widerstand formiert hätte, in Stuttgart konnten Transparente und eine Demoteilnehmerin rausgezogen werden, weil auch hier kaum Organisation da war, die sich dem hätte entgegenstellen können. Natürlich ist es ein Erfolg eine radikale, dem System entgegenstehende Botschaft raus auf die Straße zu tragen und dabei zu verhindern, dass die Bewegung sich von der Macht eben dieses Systems einschüchtern lässt! Der herrschaftskritische Antispe-Black-Block auf der „Frankfurt Pelzfrei“-Demo 2011 war ein eindrucksvolles Beispiel für den Aufbau einer Gegenmacht: dass diese Gegenmacht nicht stark genug war, um sich über die Polizeimacht hinwegzusetzen, ist ein Punkt, der vielleicht nicht den Idealvorstellungen einiger Theoretiker genügen mag, aber der Vorwurf verkennt vollkommen die reale Situation, dass die meisten Tierrechtsdemos überhaupt gar nicht erst einmal in der Lage sind, ja es teilweise auch gar nicht versuchen, nur ein bisschen solcher Gegenmacht aufzubauen, wie wir sie in Frankfurt geschaffen haben. Dass es Kleingruppen schafften „vor abgesperrte Geschäfte zu gelangen [..], um diese direkt mit Protest zu konfrontieren“, war auch nur dadurch möglich, dass die Polizei im vorderen Teil der Demo alle Hände voll zu tun hatte den Black-Block irgendwie noch kontrollieren zu können. Der großartige „Erfolg“ einiger weniger Kleingruppen vor „abgesperrte Geschäfte“ (die geschlossen waren) zu gelangen um sie „mit Protest zu konfrontieren“, oder der Vorschlag doch „über Theateraktionen in Kommunikation mit Passant*innen zu treten oder [..] Seitenstraßen zu plakatieren“ sind alles keine Gründe für uns, weil es angeblich um so vieles effektiver sei, darum das Black-Block-Konzept aufzugeben! Zudem: Kleingruppen und Black-Block schließen einander nicht aus, vielmehr wirken sie positiv aufeinander (so wird das „Out-of-Control“-Konzept eigentlich hauptsächlich von denen praktiziert, die schon jahrelange Black-Block-Erfahrung haben – einfach aus dem Stand eine Stufe der Selbstorganisation überspringen zu können ist recht illusionär). Die Unterstellung, das Eine abzuschaffen um das Andere zu fördern, ist eine destruktive und leicht zu durchschauende Kritik, die mit der Realität nichts zu tun hat. Gäbe es keinen Black-Block ist es eben nicht so, dass die Energie von dessen Teilnehmer_Innen einfach in Kleingruppen umgeleitet würde, sondern die meisten würden einfach gar nicht kommen.

Zweite These: Der Black-Block ist ein sehr wichtiges, vor allem praktisches – und nicht rein theoretisches – Verbindungsglied der Tierbefreiungsbewegung zur linksradikalen Szene.

Mit dem Aussicht besser doch durch nette, kreative und lustige „Theateraktionen“ in Kommunikation mit Passant_Innen zu treten oder in einer Nebenstraße Plakate aufzuhängen, lässt sich die linksradikale Szene kaum motivieren sich solidarisch zur Tierbefreiungsbewegung zu bekennen und unsere Demos zu unterstützen, es lässt sich dadurch auch nicht auf die Straße tragen, was uns innerlich bewegt: die Ablehnung dieses Systems der Herrschaft. Es braucht eine radikale Botschaft, es braucht eine anschlussfähige und abgrenzende Symbolik und es braucht auch ein gewisses Maß an Organisation um die linksradikale Szene integrieren zu können: und das ist auch völlig verständlich, denn auch wir wollen kein Wischiwaschi, auch wir wollen nicht aus der Demo rausgezogen werden, ohne, dass irgendwer etwas tut, auch uns ist es wichtig hierbei anonym bleiben zu können. Radikaler Protest darf sich äußern fernab vom Zwang Mächteverhältnisse in einem Schlag umkehren zu können: auch wenn dies nicht möglich ist, halten wir die Forderung nach sozialer Revolution für legitim und notwendig – und diese Forderung wollen wir im Black-Block auf die Straße tragen: radikal, entschlossen und emanzipatorisch! Es geht auch darum, dass Leute, die sich für radikale Alternativen einsetzen, in diesem System auch nach einer solchen Demo in Gefahr laufen, in ihrer weiteren Bewegungsfreiheit beeinträchtigt zu werden – ob dies nun Nazis oder Bullen sind, die sich über unverhüllte Gesichter freuen. Vielen Tierrechtler_Innen ist dies unverständlich, denn ihnen ist es oftmals egal, dass sie es den Polizist_Innen leicht machen, bis sie dann selbst wirklich in die Bredouille geraten sind und sie sind es meistens nicht, wo die Nazis dann jeden Abend vor der Tür stehen.

Dritte These: Der Black-Block ist legitimer Ausdruck einer gelebten Kritik am Normalzustand im System der Herrschaft, die sich nicht erst rechtfertigen muss.

Es ist im Rahmen einzelner Demonstrationen generell nicht möglich alle unpolitischen Zuschauer zu überzeugen sich diesen anzuschließen oder das System mit einem Mal zu überwinden – dies kann deshalb auch nicht der Maßstab sein, an dem sich ein Konzept zu messen habe. Dass Slogans wie „Gegen Herrschaft und Repression – Für die vegane Revolution“ keine richtige Kritik am System formulieren würden, sondern „auch die Verpackung eines neuartigen veganen Produkts zieren [könnten], ohne dass die Verwertungsgewalt des Kapitalismus gebrochen wäre“ scheint uns ziemlich weit hergeholt. Vor allem: selbst wenn nun offenbar das Ziel Einiger ist dicke Reader über Herrschaftskritik und Antispeziesismus an Passant_Innen zu verteilen – dies schließt doch in keinem Fall aus auch eine radikale Symbolik zu vertreten! Bloß weil sich „spezifische Parolen und Symbole […] noch nicht von selbst“ erklären, heißt dies doch nicht fortan gar nichts zu rufen oder diese durch flaches „Hände weg von Tieren“ oder „Pelze raus aus den Regalen“ zu ersetzen.

Vierte These: Das Auftreten eines linksradikalen Black-Blocks macht es für Nazis gefährlicher und unattraktiver eine Tierrechtsdemo zu besuchen, als wenn es keinen solchen gäbe. Der Black-Block stellt reaktionären und regressiven Tendenzen in der Tierrechtsbewegung oder anti-emanzipatorischen Gruppen, die sie vereinnahmen wollen, einen Gegenentwurf progressiver linksradikaler Strömung entgegen.

Die These, der Black-Block wäre kein Ausdruck politischer Positionierung und würde auch nicht der Vereinnahmung durch anti-emanzipatorische Gruppen entgegenwirken, halten wir für durchweg konstruiert. Real haben Nazigruppen angekündigt und dafür geworben auf die „Frankfurt Pelzfrei“-Demo zu kommen um sie zu vereinahmen. Es macht aber noch einmal einen Unterschied ob Nazis zu einer reinen Tierrechtsdemo gehen oder ob sie sich in einen linksradikalen und herrschaftskritischen Block stellen, zu dem eine Antifa-Gruppe aufgerufen hat – zumindest macht es das Risiko für Nazis um ein unglaubliches größer nicht mehr nach Hause zu kommen, wenn sie sich in irgendeiner Form als solche zu erkennen gäben. Tatsache ist, dass auf der „Frankfurt Pelzfrei“-Demo keine Nazis waren: sie scheinen es sich doch noch anders überlegt zu haben. Antifa-Gruppen, welche die betreffenden Nazis schon seit einiger Zeit im Auge haben, kündigten uns ihre tatkräftige Solidarität an. Desto linker wir uns positionieren, desto weniger attraktiv wird es für andere, reaktionäre Strömungen eine solche Demo vereinnahmen zu wollen. Nazis, die in einem linksradikalen und herrschaftskritischen Block, zu dem eine Antifa-Gruppe aufgerufen hatte, trotzdem noch mitlaufen wollen, prallen ab an völlig anderen Inhalten, die sie nicht mehr instrumentalisieren können. Es sind doch konkrete Phänomene, die in der Tierrechtsszene ab und an auftauchen, an denen Nazis versuchen anzuknüpfen, es ist der Holocaust-Vergleich und der Menschenhass den einige Tierrechtler_Innen vertreten, die schließlich anschlussfähig machen: aber genau dagegen haben wir uns auch mit unserem Aufruf und unserem ganzen Auftreten gestellt und dies immer wieder deutlich gemacht. Und damit haben wir in der Tat strukturell verunmöglicht, dass Nazis mit der Demo noch irgendetwas anfangen konnten.

Fünfte These: Der Black-Block ist nicht die „bedeutendste“ Form radikaler politischer Praxis aber doch ein wichtiger Ausdruck dieser. Das Konzept vom Black-Block schließt nicht andere Aktionsformen oder weitergehende theoretische Arbeit aus, sondern befördert sie eher.

In dem „Wer hat Angst vorm Schwarzen Block“-Text werden Gegensätze konstruiert, die in der Form sich überhaupt nicht ausschließen. Warum sollte es der Tierbefreiungsbewegung nicht möglich sein „durch ihre alltägliche Arbeit ein Profil [zu] entwickeln, dass es anti-emanzipatorischen Gruppen schwer macht, in der Tierbefreiungsbewegung etwas anderes zu erkennen als ihren politischen Gegner“ und gleichzeitig am Black-Block-Konzept festzuhalten? Warum schließt eine radikale Symbolik aus „weiterführende Perspektiven zu verdeutlichen“? Warum schließt ein Black-Block auf Demonstrationen aus, dass Kampagnenarbeit geführt wird? Warum sollte das, was die Tierrechtsbewegung ohnehin schon seit Jahren praktiziert, auf einmal alles besser funktionieren, wenn es bloß nur endlich keinen Black-Block mehr gäbe? Hat irgendwer vom Black-Block jemanden daran gehindert all die schönen Worte über Dinge, die alle wichtiger und besser wären, in die Tat umzusetzen? Die Überhöhung des Schwarzen Blocks wird doch hauptsächlich durch seine Kritiker_Innen betrieben, wenn sie mühevoll Gegensätze konstruieren oder unterstellen, für uns gäbe es nichts Politisches über oder unter dem Schwarzen Block mehr. In dem „Wer hat angst vorm Schwarzen Block“-Text wird nicht ein einziges schlagkräftiges Argument genannt, was seine Schlussfolgerung, der Black-Block sei ein „Fehler“ (!) gewesen, der nicht wiederholt werden solle, rechtfertigen würde – vielmehr wurde versucht Gegensätze zu konstruieren, die aber überhaupt nicht da sind, es wird versucht den Black-Block als Problem in der Bewegung darzustellen. In der Tat: es scheint fast so, als haben einige von uns wirklich Angst vorm Schwarzen Block, so sehr, dass sie ihn unbedingt loswerden wollen. Wo waren in Stuttgart und in Köln die Leute, die Out-of-Control propagieren? Hier gab es keinen Black-Block: wo sind die unglaublichen Resultate, wo das vermeintliche Problem, wo der „Fehler“ doch weg war? Aber trotzdem wollen wir versuchen die Kritik am Black-Block ernst zu nehmen und Anregungen aufzunehmen. Wir sehen die Möglichkeit für Frankfurt 2012, wenn sich zeigen wird, dass es dem Black-Block im Verlauf der Demo nicht gelingt, einen ausreichend großen Handlungsspielraum zu erlangen, das Konzept im Laufe der Demo zu ändern, bzw. zu versuchen eine Verbindung von beiden Konzepten herzustellen, z. B. durch ein eigenes Entfernen der Transparente an wichtigen Stellen, um ein „durchfließen“ zu ermöglichen und somit die Polizei zu überfordern. Aber diese ganzen Überlegungen funktionieren nur, wenn es auch die Entschlossenheit bei den Demoteilnehmer_Innen gibt, wenn es eine Verbindung von schon länger organisierten Leuten aus der linksradikalen Szene mit den weniger organisierten Elementen gibt – erst dann kann sich die Dynamik entwickeln, dass die Demo wirkliche Handlungsspielräume gewinnt. Wir glauben es gibt sehr gute Argumente für eine radikale und entschlossene Alternative zum gängigen Schema, auch wenn sie vielleicht einigen nicht in ihr normales Bild von Tierrechtsarbeit passt. Kommt 2012 nach Frankfurt und unterstützt den Total-Liberation-Black-Block! Radikal, entschlossen, emanzipatorisch!

Es folgt hier die Vorstellung des Konzepts von 2011:

1. Was ist der Antispe-Black-Block und was ist dessen Nutzen?
Der Antispe-Black-Block ist ein von Transparenten abgeschotteter Block, in dem sehr eng zusammen und in Ketten Antispeziesist_Innen in schwarzer Kleidung, insbesondere auch mit Kapuze und Sonnenbrille, vorne bei einer Demonstration laufen. Die wichtigste Funktion des Antispe-Black-Blocks besteht in der Antirepression. Oftmals wird von der Polizei verkündet, dass sie die vorne-laufenden sehr lauten Demoteilnehmer_Innen verhaften will, wodurch diese in ihrer Demonstrationsfreiheit eingeschränkt werden. Der Antispe-Black-Block bietet allen Demoteilnehmer_Innen Schutz vor Übergriffen durch die Polizei.

(Antispe-Black-Block Frankfurt Pelzfrei 2008)
Ein weiterer Nutzen ist die Anonymität. Öfters wird auf Antispe-Demos sehr viel von eigenen Leuten gefilmt. Dagegen ist auch an sich nichts weiter einzuwenden, dient doch das Filmmaterial doch der Propaganda und der weiteren Mobilisierung. Da jedoch das Filmmaterial später dann frei verfügbar ist und es sich theoretisch auch Nazis anschauen können, ist es, insbesondere wenn auch in der Antifa-Szene aktive Personen mitlaufen, sinnvoll durch seine Kleidung eine weitere Identifikation zu verhindern. Zudem ist es auch Mittel gegen das Filmen der Polizei. Der Antispe-Black-Block macht es Leuten aus anderen linksradikalen Kreisen leichter zu der Antispe-Demo zu gehen, da so nicht befürchtet werden muss, dadurch später von irgendwem unerwünscht erkannt zu werden, so z. B. auch Eltern, die evtl. nicht wollen, dass ihre Kinder auf diese Demo gehen. Die Geschlossenheit und das nah-beieinander-Stehen schaffen ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Szene, welches motivierend wirkt. Wo vielleicht die eigene Gruppe vor Ort nur sehr wenige Mitglieder umfasst, so sind bei der Demo plötzlich sehr viele aktive Menschen auf engem Raum. Das Gehen in Ketten verhindert, dass Zivilpolizisten in die Demo eindringen.

Durch das Auftreten als Black-Block werden zudem auch Antispes, die bisher noch nicht so aktiv auf Antifa-Demos waren, daran geführt, sich besser auf Antifa-Demos zurechtzufinden. Damit werden die linksradikalen Szenen also von beiden Seiten hin stärker verknüpft. Auch ist es durch das Auftreten als Black-Block möglich, Einschränkungen der Demonstrationsfreiheit zu umgehen. Wenn die Polizei z. B. verbietet, dass Demonstrant_Innen nah an ein Tierausbeutungsgeschäft herankommen, dann ist es möglich, dass der Block durch sein entschlossenes Auftreten sich diesem Verbot zur Wehr setzt und trotzdem hingelangen kann.



2. Was sagt ihr wenn euch vorgeworfen wird, durch das Auftreten als Black-Block werden Passanten verschreckt?
Dieser Vorwurf unterstellt, dass durch eine „ganz normale“ Demo die Leute nicht verschreckt würden, aber allein schon das Rufen von Parolen, oder wenn auch nur eine einzige Person bunte Haare, alternative Klamotten, Piercings oder Tätowierungen hat, dann werden die Leute verschreckt. Würde mensch diesen Gedanken zu Ende denken, dann müssten schließlich alle total wie der Mainstream auftreten und dürften sich von diesem nicht unterscheiden. Wer protestiert eckt immer an – und das wollen wir auch. Wir wollen diesem System der Herrschaft, welches ja gerade durch diesen Mainstream aufrechterhalten wird, Widerstand entgegen setzen. Eine Demo ist keine Aktionsform, wo mensch nicht anecken darf, sondern sie hat sogar gerade den Zweck anzuecken. Es ist zwar auch möglich so einen bunten, bürgerlichen Tierschutz zu betreiben, aber dann darf nicht erwartet werden, dass alle auf einer großen Demo so drauf sind. Außerdem hat der Black-Block den Vorteil, dass klar geklärt ist wer wo läuft. Die normal Bürger_Innen können sich immer noch von dem Teil der Demo ansprechen lassen, der dann bunt und bürgerlich rüberkommen will, denn in diesem hinteren Teil der Demo ist dann prozentual ein viel geringerer Anteil an radikalen Antispes, wenn es vorne einen Black-Block gibt. Es gibt andere Aktionsformen, die sich viel besser eignen, um den Mainstream anzusprechen, wie Infostände, Filmabende, Diskussionsveranstaltungen oder Flugblattverteilungen – aber nicht Demonstrationen. Es muss wenigstens eine Aktionsform geben, die auch radikalen Protest zulässt und fördert und dies sind nun einmal die großen Demonstrationen.

3. Was sagt ihr zum Filmen auf Demos?
Dass mensch auf Demos gefilmt wird lässt sich leider nicht verhindern. Deshalb ist die oftmals ausbrechende Hysterie, wenn eine Kamera gesehen wird, etwas überzogen. Die sinnvolle Konsequenz statt sich darüber aufzuregen, ist es sich damit abzufinden, dass halt gefilmt wird, und sich deshalb entsprechend gut schwarz anzuziehen, mit Sonnenbrille, Tuch, Mütze und Cap. Wenn nicht von den eigenen Leuten gefilmt wird, findet sich oftmals trotzdem Videomaterial von der Demonstration von irgendwelche Passant_Innen im Internet.

Quelle Bilder: http://www.tirm.de